Italien, Reportage
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Cantine San Marzano

Endlich ist es soweit. Ich durfte die Geburtsstätte eines meiner Lieblingsweine, den Primitivo di Manduria „Sessantanni“, besuchen. Alles begann mit diesem Wein. Damals, als mir mein ehemaliger Arbeitgeber zum Abschluss zwei Flaschen dieses Spitzenerzeugnisses schenkte.Bis heute begleitet mich dieser Primitivo. Mal zeigt er sich im privaten Kreis, mal hochoffiziell an Firmenanlässen, -jedes mal schlägt er wie eine Bombe ein und ich kann ihn mittlerweile blind am Geschmack erkennen.

Und jetzt, mit dem Start dieses Blogs kam erst die Idee und dann tatsächlich die Gelegenheit die Erzeuger zu besuchen.

Cantine San Marzano – Apulien IT

Wir fahren also Richtung San Marzano. Entlang der ionischen Küste, vorbei an der Hafenstadt Taranto und raus aufs Land. Es ist Oktober, und man kann sich vorstellen, dass im Hochsommer die Hitze gnadenlos sein muss. Mücken stechen mich.

Wein ist in Italien allgegenwärtig. Man kennt Primitivo. „Klar, schon gehört.“ – „Ja, schmecken spitze“. Und mir schmeckt … am Besten.

Die Cantine San Marzano, der Ort an dem der Wein entsteht, ist kein Weinschloss, kein Chateau und kein bäuerlicher Landsitz mitten in schöner Umgebung. Als erstes fuhren wir daran vorbei. An riesigen Stahltanks, gelbem Wellblech, einem grossen Zaun und keiner Beschriftung. Ein kleines Schild am Abzweiger deutet darauf hin, dass wir richtig sind. Unscheinbar, und ohne äusseren Anspruch steht sie vor uns: Die Cantine San Marzano.

Die Cantine wurde 1962 aus einem Verbund lokaler Winzer, 19 Familien die seit Generationen das Land um San Marzano bearbeiten, gegründet und zählt heute 1200 Mitglieder.

Die Cantine ist riesig. Die schiere Grösse erschlägt mich. Wir sind angemeldet. Fabiana zeigt uns auf einer exklusiven kleinen Tour die gesamte Anlage.

LKW´s werden bei Ankunft gewogen und mittels Schwenkarm Proben der Trauben genommen. Ist alles gut gehts ans Abladen. Riesen Stahlwannen nehmen die frisch geernteten Trauben auf und transportieren sie in das Innere der Cantine.

Wir betreten die Lagerhalle. So gross wie die Selbstabhol-Abteilung eines nordischen Möbelhauses, oder noch grösser. Tausende Liter lagern hier. Nicht alle tragen das Logo der Cantine. Für ausgesuchte Direktkunden werden auch spezial Abfüllungen gemacht, und manche wünschen ihr eigenes Etikett drauf.

Die Cantine produziert pro Jahr 9 Millionen Flaschen Wein, in unterschiedlichen Qualitätsstufen. Sie verkaufen national sowie international im Verhältnis 20:80 und alles aus demselben Ort. Lediglich ein weiteres Logistik Zentrum in Norditalien erweitert den Radius des Vertriebs. Es nimmt mir den Atem.

Die Kooperative verarbeitet Wein aus 1500 ha Anbaugebiet und stützt sich auch heute noch auf das Wissen der Ältesten. Die Firma hat Tradition und stellt aussergewöhnliche Weine auf hohem Niveau her.

Vor der Lagerhalle stehen die riesige Stahltanks. 5000 hl passen in einen. Einige liegen waagrecht und werden computergesteuert gedreht. Immer gleich, -immer unter Kontrolle. Nichts wird dem Zufall überlassen. Im eigenen Labor wird jeder Wein, zu jederzeit, mittels Hightech überprüft und auf Qualität gemessen.

Trotz des unscheinbaren Äusseren, der omnipräsenten Stahltanks, gibt es auch noch die heiligen Hallen. Unter dem Boden. In den Stein der Region geschlagen. Kalkstein. Hier lagert der Spitzen Wein, -in Eichenfässern. Über 2000 Stk. Auch legendäre „Sessantanni“ ruht hier 12 Monate in französischer und amerikanischer Eiche. Es ist feucht. Kühl. Der Ort an dem Magie stattfindet. Das Lagern in Barrique strahlt etwas Kräftiges aus. Urtümlich.

Es ist das Handwerk und die Zeit die hier den Wein zur Vollendung bringt.

Schön zu wissen, dass man eben einfach ein Jahr auf seinen Wein warten muss und ihn nicht gleich fix fertig aus der Stahlwanne schlürfen kann.

Wir berühren die Wände. Feucht. Fabiana erklärt uns, dass in dieser Region nur ganz wenig Regen fällt und sie dennoch die Reben nicht wässern. Der Boden speichere die Feuchtigkeit und gebe sie über lange Zeit wieder an die Pflanzen ab. Das sei weit herum einzigartig und für einen Erzeuger dieser Grössenordnung mit soviel Kontrolle unerwartet und gleichzeitig faszinierend.

Ist der Wein bereit für die Abfüllung wird er in einer praktisch vollautomatisch gesteuerten Anlage, in der bis zu 7000 Flaschen pro Stunde, gereinigt, etikettiert, und mit Datum versehen, abgefüllt, zugekorkt, -ja sogar mittels Roboter-Greifarm auf Paletten gepackt und seinem Bestimmungsort zugefügt.

Der Besuch war für mich ein grossartiges Erlebnis. Die schiere Grösse der Cantine hat mich beeindruckt. Obwohl kein klassisches Chateau oder romantisches Weingut auf uns gewartet hat, die Geschichte und Entstehung der Cantine, -die Weine die sie in konstanter Qualität rausbringen und die Leute die diese mit Begeisterung geniessen, sind Beweis, dass noch die gleiche Leidenschaft in dem Unternehmen lebt wie als es gegründet wurde.

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